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Ein Sülzer auf dem Weg nach Santiago de Compostela ( oder leicht abgewandelt -
- Ich bin dann auch mal weg )
Seit ungefähr 1995 habe ich immer wieder daran gedacht auf dem Jakobsweg nach Santiago zu gehen. Ich weiß nicht wieviel Berichte ich über diesem Weg im Fernse-hen, in der Zeitung oder im Internet gesehen oder gelesen habe. Immer häufiger dachte ich daran, es auch persönlich zu versuchen. Schnell war mir klar, dass ich zu Fuß gehen und nicht mit dem Fahrrad unterwegs sein möchte. Die meisten Berichte von Pilgern drehten sich um ihre Pilgerschaft auf dem Camino in Spanien. Spontan ging mir jedoch durch den Kopf, das ich, wenn ich denn losgehen sollte, von zu Hause, also von Sülz, aus gehen möchte. Nachdem nun alles klarer wurde, verschwanden auch alle konkreten Gedanken an das Pilgern vorerst aus meinem Kopf. Zuviel privates und berufliches lag dazwischen und ich beschränkte mich darauf mir selber zusagen, irgendwann, wenn es besser paßt, vielleicht wenn ich im Ruhestand bin, den Gedanken wieder aufzugreifen.
Im Winter 2001 veränderte sich dann alles. Ich habe sehr konkret von meinem Jakobsweg geträumt und bin morgens um 5 Uhr aus diesem Traum hochgefahren mit dem klaren Ziel vor Augen: am 15. März 2005 gehst du los. Ich war wie elektrisiert, komplett aus dem Häuschen und das morgens um fünf!
Dieses Datum stand nun fest und ich hatte Zeit genug mich auf diese große Tour vorzubereiten, zumal ich bisher außer Tageswanderungen noch nichts derartiges unternommen hatte. Mit meinem damaligen Arbeitgeber konnte ich ein halbes Sabbatjahr vereinbaren und hatte damit alle Zeit der Herrlichkeit.
Gehen wollte ich die alte Kaiserstraße, also Richtung Aachen, obwohl durch Sülz über die Luxemburger und Berrenrather Straße ein ausgeschilderter Pilgerweg Richtung Santiago de Compostela führt. Dafür hätte ich allerdings quer durch die Eifel, Richtung Trier laufen müssen, doch ich hatte Angst in der Eifel noch von Schnee überrascht zu werden.
Mein Weg führte mich durch den Stadtwald und Müngersdorf nach Widdersdorf. Die letzte Kirche auf Kölner Stadtgebiet war eine Jakobskirche und das empfand ich als Mut machendes Zeichen. Zuerst ging es gerade nach Westen und über Horrem und Düren nach Aachen, von dort über die Grenze nach Belgien und zur Maas.
Dem Fluß konnte ich mehr oder weniger folgen und über Lüttich und Namur kam ich
am 29.März, über die Grenze nach Frankreich. Bonjour la France, ich bin in Frankreich. Wie lange werde ich wohl brauchen, um von der nördlichsten Ecke Frankreichs bis an den südlichsten Zipfel zu laufen - ich werde es irgendwann wissen.
Auf einer Waldlichtung stand ein großes Hinweisschild des Jakobsweges durch Frankreich. Zu Hause hatte ich immer gerechnet, dass es wohl rund 2500 km bis nach Santiago sein werden. Jetzt war ich schon 320 km unterwegs und da steht auf dem Hinweisschild " St. Jaques du Compostelle 2523 km". Irgendwie bedeutete das für mich, das ich noch gar nicht losgekommen war. Ich konnte mich den ganzen Tag herzlich darüber amüsieren.
Die Wege in Belgien waren hervorragend ausgeschildert, mal als Jakobsweg, dann wieder als Fernwanderweg GR 654, denen ich nur zu folgend brauchte.
So sollte es auch in ganz Frankreich bleiben, denn die alten Pilgerrouten werden heute als große europäische Fernwanderwege genutzt.
Quer durch die Champagne und durch die wunderschöne Stadt Reims ging es ins Burgund und von dort über Limoges und Perigeux, ins französische Baskenland und an den Fuß der Pyreneen.
Ich hatte bisher nur einige Pilger kennengelernt und lustigerweise waren die intensivsten Kontakte mit Holländern, mit denen ich auch lange zusammen gelaufen bin.
Im Vorfeld hatte ich immer gedacht, die treibende Kraft bei Pilgern wäre eine religiöse oder spirituelle, doch ich stelle immer häufiger fest, das diese Antriebsmomente die schwächsten sind. Jeder den ich bisher getroffen habe ist auf der Suche. Mal ist es die Suche nach Gott, oft nach sich selbst, nach einer neuen Richtung im Leben. Bei anderen kommt noch eine sportliche, eine körperliche Herausforderung dazu. Bei manchen, wie bei zwei Franzosen gestern Abend, habe ich eher den Eindruck es geht darum, sich und anderen etwas zu beweisen. Zwei weitere Pilger aus Holland sind gerade in den Ruhestand getreten und sortieren ihr Leben neu und haben Gott schon vor Jahren verloren und hoffen ihn vielleicht auf diesem Weg neu zu entdecken. Ein Belgier wollte die Pilgerreise zusammen mit seiner Frau unternehmen, doch sie ist im vergangenen Jahr gestorben und nun ist er in der Lage alleine zu gehen und spürt das diese Reise nach Santiago eine Wallfahrt ist, die er seiner Frau widmet. Meine Pilgerfreundin Carla ist schwer an Rheuma erkrankt und nur durch die laufende Bewegung kann sie die Erkrankung bremsen. Sie erzählte mir, das sie in der holländischen Rheumaliga als das Aushängeschild gilt und immer wieder auf Kongressen anderen Kranken als Beispiel dafür gilt, wie man auch mit einer schweren Erkrankung leben kann und die Krankheit nicht zum Mittelpunkt im Leben macht. Was ist mein Antrieb; ich weiß es nicht genau. Suche ich nach Gott, eher nicht, denn der ist für mich da. Suche ich eine Herausforderung? Das trifft es auch nicht. Ist es die sportliche Komponente, einmal körperlich an meine Grenzen zu kommen, eher nicht. Vielleicht finde ich auf meinem Weg Antworten auf Fragen die ich noch stellen werde, ich werde es sehen.
Ich habe 2 1/2 Monate gebraucht um Frankreich komplett zu durchwandern. Die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft der Franzosen hat mich tief beeindruckt. Ich habe etliche mal in Gemeindesälen, Bürgermeisterämtern oder Sporthallen meine Isomatte und meinen Schlafsack ausrollen dürfen und in einigen Hotels bekam ich einen Pilgerrabatt. Auf der Straße hielten Autos an, nur um zu fragen ob alles in Ordnung sei oder ob ich Hilfe bräuchte.
Die Pyreneenüberquerung war hart, doch am Grenzstein Navarra/Espana vorbeizugehen war so großartig, das alle Strapazen vergessen waren.
In Spanien ist es beinahe unmöglich sich zu verlaufen. Überall sind gelbe Richtungspfeile aufgesprüht und alle paar Kilometer kommen noch größer Hinweisschilder für die Pilger wie der Weg weitergeht.
Am Fuß der Berge liegt Pamplona und weiter geht es durch Navarra in die Provinz Rioja nach Logrono. In Frankreich habe ich in der gesamten Zeit nur eine Hand voll Pilger getroffen, doch hier in Spanien sehe ich in jeder Stunde dutzende Mitpilger, doch es hat mir nichts ausgemacht, denn ich bin nun so routiniert in meinem eigenen Lauftempo, das mir Menschenmassen nichts ausmachen. Jedes Dorf und jede Stadt hat Pilgerherbergen in denen man ein Dach über dem Kopf findet. Ich habe mir jedoch auch oft mit zwei anderen Pilgern aus Holland und Spanien ein Hotelzimmer gegönnt und habe es jedesmal genossen.
Die Restaurants und Barīs sind auf Pilger eingerichtet, denn zu der üblichen spanischen Essenszeit gegen 22.30 Uhr, liegen die Pilger meistens schon im Bett.
Über gut 200km pilgert man durch die Meseta, ein wellige, dann ebene Landschaft ohne Baum und Strauch, absolut langweilig zu laufen, ich möchte sie nicht missen.
Über Burgos, Astorga und Ponferrada erreichte ich die letzte spanische Provinz auf meinen Weg, Gallizien.
Ab der Provinzgrenze stehen am Wegesrand Hinweissteine die, die noch verbleibende Distanz nach Santiago abzählen: noch 152,5km, 152km, 151,5km usw.
Am 10. Juli bin in Santiago angekommen Da stand ich am Ortseingangsschild SANTIAGO. Ich war wie benommen. Ich habe mein Handy rausgekramt und habe zu Hause angerufen. Die Tränen kullerten nur so runter und ich konnte nur sagen:
"Ich bin da, ich bin wirklich da".
Ich habe es geschafft, und das in jeder Hinsicht. Um 11.20 Uhr stand ich mit anderen mir sehr vertraut gewordenen Pilgern vor der Kathedrale und wir haben uns fest in den Arm genommen. Wir waren nun alle sehr nahe am Wasser gebaut. Wir haben entschieden das die Zeit zu knapp ist um uns noch ein Hotel zu suchen. So sind wir mit den Rucksäcken in die Kirche gegangen.
Die Messe war sehr schön und ich war in Tränen der Dankbarkeit und der Demut aufgelöst. Ich habe an so viele Menschen und an die vielen Begegnungen von unterwegs gedacht. Etliche Menschen hatten mich, der alten Tradition nach gebeten, für sie bei meinem Ankommen in Santiago zu beten. Ich habe das getan und hoffe niemanden vergessen zu haben.
Nach den köstlichen Tapas wollten wir unsere letzten Pilgerpflichten erfüllen und sind zum Pilgerbüro gegangen. Dort erhielten wir den letzten Stempel in den Pilgerpass und die Compostela, die Pilgerurkunde. Die Aufnahme im Büro war sehr herzlich. Mein Mitpilger seit vielen Wochen, Kees aus Holland und ich wurden besonders begrüßt nachdem die Mädels im Büro unsere Pilgerausweise geprüft hatten. Sie sagten das höchsten 5-8% der Pilger aus ihren Heimatländer den Weg in einem durchgingen. Doch egal ob man rund 2900km oder 100km zu Fuß unterwegs ist, die Compostela ist die gleiche. Trotzdem war es für uns schön diese Urkunde in den Händen zu haben.
Anschließend sind wir erneut zur Kathedrale gegangen. Der Überlieferung nach, liegen die Gebeine des Apostels Jakobus in der Kathedrale und dem Apostel wollten wir nun unsere Referenz erweisen.
In einer Schlange bewegt man sich auf die Reliquienbüste, die riesengroß hinter dem Altar aufgestellt ist, zu. Die Büste wird dann umarmt und das Reliquiar geküßt. Danach geht man in die Gruft des Apostels. Nahe des Ausgangs der Kirche wird noch ein anderes Ritual vollzogen. Man legt die Hände an die Säule zu Füßen des Apostels und berührt mit dem Kopf die darunter befindliche Figur des Baumeisters Mateo, dem Erbauer der Kathedrale. Diese Rituale sind mir irgendwie fremd, doch jeder macht es hier so, also ich auch. Erst an der Säule ist die Pilgerfahrt offiziell beendet, denn erst hier endet der Jakobsweg.
Das große Weihrauchfaß, den Botafumeiro, haben wir nicht durch das Kirchenschiff schwingen sehen - schade. Was heute unter anderem ein große Attraktion während hoher Messen ist, war früher im Mittelalter einfach nur dazu da die Gerüche der Pil-ger etwas zu minimieren.
Fast 4 Monate habe ich gebraucht. Es waren rund 2900km. Die Wanderschuhe sind Schrott. Da wo mal Profil war sind nun blanke Stellen. Mein Körper ist phantastisch und laufen die normalste Sache der Welt. Trotz der Anstrengung habe ich so gut wie kein Gewicht verloren ( gerade mal 3 Kilo) - ich habe auch zu gut gelebt und der Wein.......
Kees und ich waren uns einig, wenn Santiago noch 1000km weiter weg gewesen wäre, dann wären wir halt 1000km mehr gelaufen.
Es war eine wunderschöne Zeit und eine großartige Herausforderung an mich selbst und ich habe sie bewältigt. Das macht mich Stolz und glücklich. Ich habe so viele Menschen kennengelernt und ich war reduziert aufs laufen, essen und schlafen.
Irgendwo auf dem Weg habe ich den Satz gehört " Santiago ist nicht das Ziel der Pilgerreise sondern der Anfang", in diesem Sinne möchte ich die Pilgerreise meines Lebens fortsetzen.*)
Anm.:
Im alten Beruf konnte ich nicht mehr richtig Fuß fassen und habe das umgesetzt was schon sehr, sehr lange in meinem Kopf herum schwirrte und was nun Klarheit bekam. Seit 2007 arbeite ich als Coach mit und für Menschen hier in Sülz. Aus meinem Pilgerweg ist ein Menschenweg bzw. www.menschenwege-coaching.de geworden. Es fühlt sich nicht nur gut an, ich bin es auch.
Uwe Jansen - Gerolsteiner Str. 100 - 50937 Köln
*) Die Texte habe ich meinem persönlichen Pilgertagebuch entnommen. Vielleicht verfasse ich ja ein Buch über meine Reise ( Danke Herr Kerkeling)
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